Ist ISIS auch eine Gefahr für Deutschland?

                                  Eine Essay von Abdurrahim Vural

 

In den letzten Tagen und Wochen wird die Welt von neuerlichen kriegerischen Überraschungsangriffen im Nahen Osten in Atem gehalten.

Die vielleicht gefährlichsten Gotteskrieger der Welt, Kämpfer der Terrorgruppe ISIS wollen einen Islamischen Staat in Irak und Syrien (ISIS) errichten. ISIS ist eine der radikalsten islamistischen Gruppierungen im Nahen Osten.

Sie sind bereit, für ihren Glauben zu sterben. Von einer Terrorgruppe hat sich die Organisation inzwischen zu einer kleinen Militärmacht hochgeputscht. Mit Brutalität und Konsequenz habe sie gewissermaßen die Nachfolge Al-Kaidas angetreten.

Was will eigentlich diese terroristische Organisation? Sie hat sich das Ziel gesteckt, einen sunnitischen Gottesstaat zu errichten, indem Territorien der heutigen Länder Irak, Syrien, Libanon, Jordanien sowie Israel und Palästina umfasst.

Es ist immer noch unvorstellbar, wie rasch die ISIS-Kämpfer im Irak vorrücken konnten und auf wie wenig Widerstand sie trafen. In nur wenigen Tagen ist es ein paar Tausend vermummten Gotteskriegern gelungen, große Teile des nördlichen Irak unter ihre Kontrolle zu bringen.

Diese ISIS-Kämpfer zeichnet eine große Brutalität aus. Es wurden syrische Aktivisten ermordet, Zivilisten gefoltert und massakriert sowie drakonische Strafmaßnahmen wie Handabhacken oder Kreuzigungen vollzogen. Sogar Al-Kaida-Führer haben sich von dieser Gruppierung distanziert, und das ist schon aussagekräftig genug.

Über wie viele Mitglieder die Organisation inzwischen verfügt, ist schwer zu sagen. In den vergangenen Tagen war häufig von 8000 Kämpfern die Rede, die im Irak eingesetzt wurden. Doch es sei davon auszugehen, dass bei der Zahl viele irakische Soldaten mitgerechnet seien, die sich den Dschihadisten auf ihrem Vormarsch angeschlossen hätten.

Die Erfolge der Dschihadisten im Irak könnten einen zusätzlichen Anreiz für junge Europäer bilden, in den Kampf zu ziehen.

ISIS versetzt den Irak in Angst und Schrecken. Doch hinter der Maske des Religionsfanatismus versteckt sich auch ein kriminelles Wirtschaftsnetzwerk: Die Kämpfer erheben "Dschihad-Steuern" und verkaufen ihr eigenes Öl. Durch mafiöse Geschäfte und Beute aus den brutalen Kämpfen sind sie bereits zur reichsten Terrorgruppe der Welt aufgestiegen.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage, ob diese terroristische Gruppe auch eine Gefahr für Deutschland sein könnte, denn die Isis-Kämpfer sind gut ausgebildet und hoch motiviert.

ISIS und andere radikale Islamisten bedienen sich modernster medienwirksamer Mittel um die Welt mit ihrem Hass zu vergiften und weitere Anhänger zu bekommen

Im Internet erschien neulich ein Rekrutierungsvideo, als Werbung der ISIS, indem ein 13-minutiges Clip lief mit den Aussagen „du musst sowieso sterben, das ist sicher“ und „es gibt kein Leben ohne Jihad“. Diese sich selbst ernannten Gotteskrieger werben um Kämpfer aus der westlichen Welt für den „Heiligen Krieg“. In dem Video behauptet u.a. ein Isis-Kämpfer: „Allah habe die Organisation auserwählt“. Ein anderer berichtet wie depressiv er geworden ist, als er noch „im Westen“ gelebt habe. Nur der Dschihad könne „diese Depression heilen und glücklich machen“ und „kommt zu uns und fühlt dieses Glück“.

Andere Werbekampagnen  für den blutigen Kampf der Terroristen lauten: „Die Tugenden der Mudschaheddin“ – Allah vergebe und sei gnädig, heißt es im Laufband. Und weiter geht es: "Seid ihr bereit, euren fetten Job, euer großes Auto aufzugeben, und auch eure Familie? Seid ihr bereit, all das zu opfern um Allahs willen? Meine Brüder, die ihr im Westen lebt, ich weiß, wie ihr euch fühlt. Als ich da noch residierte, fühlte auch ich mich deprimiert. Man meint, man lebe ohne Ehre. Kommt zu Dschihad, fühlt die Ehre, die wir fühlen."

Die Terroristen von der ISIS, die in Syrien und im Irak auftrumpfen, werben auch um deutsche Rekruten-mit Erfolg. Nach Angaben des Verfassungsschutzes hätten sich allein aus Deutschland 320 militante Islamisten den Isis-Truppen angeschlossen und sind nach Syrien eingereist. Es sind junge Männer, Muslime mit Migrationshintergrund, die bereits hierzulande in den Bann von Radikalen gerieten.

Rund ein Drittel der nach Syrien gereisten Deutschen hat sich schon wieder auf den Rückweg gemacht und ist wieder in der BRD. Einige hatten sich das Abenteuer Syrien ganz anders vorgestellt:“ ein islamisches Disneyland“, sagte Verfassungschef Maaßen kürzlich. Die wenigstensen Rückkehrer haben tatsächlich gekämpft. Denn wär in den Krieg zieht muss damit rechnen nicht mehr wieder zu kommen, weil er getötet wurde.. Viele sterben bei Selbstmordanschlägen, weil die unerfahrenen freiwilligen Deutschen nur von der ISIS ausgenutzt werden. Aber das sind nur Einzelbeispiele, die ungefährlich sind..

Erst vor wenigen Tagen hatte der deutsche Verfassungsschutz vor einer Bedrohung durch europäische Islamisten gewarnt, die von Kampfeinsätzen im syrischen Bürgerkrieg zurückkommen. Etwa hundert islamistisch orientierte deutsche Aktivisten seien bislang aus Syrien nach Deutschland heimgekehrt, mehr als ein Dutzend von ihnen hat nach Erkenntnissen des deutschen Inlandsgeheimdiensts aktive Kampferfahrung.

Hier noch ein Beispiel, wie ein Deutscher in der Nähe von Bagdad in der syrischen Stadt Homs sich umbrachte. Dort soll sich der 27-jährige Robert Baum im Januar 2014 in die Luft gesprengt haben. Der gebürtige Solinger war 2009 zum Islam konvertiert und trug seither den Namen Uthman Al Almani. Bei einem Sprachstudium in Ägypten geriet er in Kontakt mit Anhängern des Salafismus, die eine ultrakonservative Auslegung des Islams propagieren. Nach seiner Rückkehr suchte Baum eine von Salafisten betriebene Moschee in der Konrad-Adenauer-Straße in Solingen nahezu täglich auf.

Mitte Juli 2011 wurde Baum dann mit einer weiteren Person aus Solingen in Großbritannien verhaftet und zu einer Haftstrafe von zwölf Monaten verurteilt. Die Beamten fanden bei den beiden Propagandamaterial von al-Qaida. Darunter auch eine Anleitung zum Bombenbau. Nach sechs Monaten wurde Baum nach Deutschland abgeschoben und bekam eine Bewährungsstrafe.

Ein Jahr später flog er erneut nach Ägypten und wurde von Schleppern nach Syrien eingeschleust. Er kämpfte und starb für die Gruppierung „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ (Isis). Als Selbstmordattentäter soll er in Homs 50 Menschen mit in den Tod gerissen haben. In sozialen Netzwerken wird Robert Baum seither als Märtyrer gefeiert. Robert Baums Geschichte ist kein Einzelfall.

Bei den meisten Kämpfern handelt sich um junge Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren, erklärte Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Auch die Ausreise von Frauen und minderjährigen Personen aus Deutschland beobachte seine Behörde, so Maaßen. Bis zu zwei Dutzend Frauen sollen dem Aufruf der sogenannten Dschihad-Ehe gefolgt sein. Ihr Ziel ist es, den Mudschaheddin, den „Gotteskriegern“, wenige Stunden sexuell zur Verfügung zu stehen.

Dass sich muslimische Frauen den Dschihadisten für sexuelle Zwecke zur Verfügung stellen, erschien damals noch undenkbar. Arabische Medien berichteten entsetzt und überrascht über die „Dschihad-Ehen“ in Syrien. Der jüngste Fall: die 15- beziehungsweise 16-jährigen Wienerinnen Samra Kesinovic und Sabina Selimovic, die über die Türkei nach Syrien kamen. Die beiden werden seit dem 10. April vermisst und inzwischen von Interpol gesucht. Ihre aus Bosnien und Herzegowina stammenden Familien fanden Abschiedsbriefe. Darin schrieben die jungen Frauen: „Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir gehen nach Syrien, kämpfen für den Islam. Wir sehen uns im Paradies.“

Dass deutsche Islamisten in den Heiligen Krieg ziehen, ist nicht neu. Schon in Afghanistan und in Pakistan waren ähnliche Entwicklungen zu beobachten.

Die Motivation der deutschen Dschihadisten sei dabei sehr vielfältig. Einige Ausreisende seien davon überzeugt, ihrer religiösen Pflicht nachzugehen und für die „Sache Allahs“ zu kämpfen. Andere betrachteten die Reise als Abenteuer, seien Mitläufer oder ließen sich durch die Propaganda der Islamistenszene radikalisieren. Doch seien darunter auch solche, die ihre Mordfantasien ausleben wollen.

Für deutsche Behörden stellen vor allem diejenigen Dschihadisten eine Bedrohung dar, die vom „Heiligen Krieg“ zurückkehren. Sie bringen Erfahrungen im Kampfeinsatz, in der Schusswaffennutzung, im Bombenbau oder in der Rekrutierung von neuen Anhängern mit.

Aus all den vorgenannten Betrachtungen kann man folgendes erkennen. Egal wie sich die Lage im Nahen Osten weiter entwickeln wird. Für Deutschland könnte das auf jeden Fall eine Gefahr bedeuten. Die kriegserfahrenen und radikalisierten Kämpfer sind nach ihrer Rückkehr  tickende Zeitbomben. Als Beispiel sei erwähnt das Vorkommnis von Ende Mai. Hier hatte der Attentäter von Brüssel, ein aus Frankreich stammender Syrien Heimkehrer, vor dem dortigen jüdischen Museum 4 Menschen erschossen. Für die Sicherheitsbehörden sind solche Fälle ein großes Problem, denn derartige Individualtäter sind kaum dauerhaft und wirkungsvoll zu überwachen. 

 

 

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Menschenhandel in Europa

Ein Bericht von Abdurrahim Vural 

 

Kriminelle zwingen oder locken Menschen, die ein besseres Leben suchen, in ihre Dienste – und machen damit ein Riesengeschäft.

 

Rund 200 Jahre nachdem der Sklavenhandel erstmals abgeschafft wurde, werden in aller Welt 12,3 Millionen Erwachsene und Kinder zu Arbeit und Prostitution gezwungen. Das Geschäft bringt weltweit vermutlich rund 35 Mil­liarden Euro im Jahr ein. Es ist das drittgrößte illegale Gewerbe nach Drogen- und Waffenhandel.

 

In Europa hat der Menschenhandel epidemische Ausmaße angenommen, angeheizt durch den Zusammenbruch des Kommunismus, die EU-Erweiterung und das Schengener Abkommen, das in 25 Ländern die Grenzkontrollen aufweichte. „Anders als beim Menschenschmuggel, wo Einzelne jemanden dafür bezahlen, dass er sie in ein Land schleust, zielt der Menschenhandel auf Ausbeutung ab“, sagt Suzanne Hoff, die inter­nationale Koordinatorin von La Strada International,einer nichtstaatlichen europäischen Organisation zum Kampf gegen den Menschenhandel. „Menschen müssen unter miserablen Bedingungen arbeiten und leben, haben kaum Freiheit, manchmal nimmt man ihnen die Pässe ab, oder sie sind durch Schulden gebunden und erhalten wenig oder keinen Lohn. Diese Formen der Ausbeutung findet man im Sexgewerbe, in Haushalten und in der kommerziellen Heiratsvermittlung, aber auch in besser regulierten Arbeitsbereichen wie Bau und Landwirtschaft. Sie gehören weiterhin zu den schwersten Menschenrechtsverletzungen im heutigen Europa.“

 

Schätzungsweise 250 000 Personen gehen in Europa Jahr für Jahr Menschenhändlern ins Netz, wahrscheinlich 10 Prozent von ihnen sind Kinder. Allein in Europa bringt dieses Geschäft einen Jahresumsatz von rund zweieinhalb Milliarden Euro.

 

La Strada arbeitet an Orten, die den Menschenhändlerbanden als erstklassige „Lieferländer“ gelten, wie Bosnien-Herzegowina, Bulgarien, Mazedonien, Moldawien, Polen, Tschechien, die Ukraine und Weißrussland. La Strada hilft auch Menschen, die in Westeuro­pa versklavt sind. Zu den Hauptzielländern des Menschenhandels zählen die Niederlande, Deutsch­land, Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, Skandinavien und Großbritannien.

 

Nach inoffiziellen Berichten werden jedes Jahr an die 50 000 russische Staatsbürger ins Ausland verkauft und in Westeuropa, im Nahen Osten und in Nordamerika sexuell ausgebeutet. Aus Polen kommen 15 000, aus Ungarn 30 000. Im ländlichen Albanien haben Eltern sich schon geweigert, ihre Kinder in die Schule zu schicken, weil sie fürchteten, sie könnten von Menschenhändlern entführt werden.

 

In Deutschland, auf der globalen Landkarte des Menschenhandels Ziel- und Transitland zugleich, wurden Rumäninnen, die glaubten, sie sollten in Restaurants arbeiten, in Bordelle neuen Stils gezwungen. Freiern wurde für 100 Euro am Tag „Flatrate-Sex“ angeboten – mit so vielen Mädchen und so lange, wie sie wollten. 2009 traf die Polizei bei einer Razzia in einem Klub in Fellbach bei Stuttgart 179 Männer und 89 Frauen an. Von den Mädchen seien viele unter 21 gewesen, hieß es.

 

Sanne Kroon ist Sprecherin und Lobbyistin für Bonded Labour in the Netherlands (BLinN = Zwangsarbeit in den Niederlanden), eine Organisation, die Opfern des Menschenhandels hilft, sich wieder ein Leben aufzubauen. „In einem Fall“, sagt Kroon, „bekam ein Mädchen, das zur Prostitution gezwungen worden war, ein Bild ihres einjährigen Söhnchens zugeschickt, auf dem stand: ‚Wir wissen, dass er bei deinen Eltern ist. Stell dir vor, was wir mit ihm anstellen könnten.‘“

 

Der Menschenhandel wäre nicht so verbreitet und niederträchtig, gäbe es nicht so viele skrupellose Arbeitgeber: Klubbetreiber, Landwirte, Fabrik- und Ladenbesitzer, Baufirmen, Event-Veranstalter und Gastwirte, die den Opfern Löhne weit unter Tarif bezahlen und sich um ihre Gesundheit und Sicherheit nicht kümmern.

 

„Das sind alles Menschenhändler“, sagt der Amsterdamer Oberstaatsanwalt Herman Bolhaar. „Es ist ein komplexes Problem, in dem sowohl organisierte Kriminalität als auch sozioökonomischer Druck, der die Opfer in die Hände der Menschenhändler treibt, eine Rolle spielen.“ Bolhaar leitet die Sonderkommission gegen Menschenhandel, eine Gruppe von Polizisten, Staatsanwälten, Bürgermeistern und Politikern, die den Kampf gegen den Menschenhandel koordiniert.

 

Aber in Ländern wie den Niederlanden, wo Prostitution erlaubt ist, ist es schwer zu sagen, wer freiwillig oder unter Zwang in diesem Gewer­be tätig ist. „Deshalb ist die ‚Aktion Sneep‘ so wichtig“, sagt Bolhaar. Sie begann 2006 damit, dass eine Polin zur Amsterdamer Polizei ging und aussagte, sie und andere Frauen aus Ländern wie Polen, Bulgarien und Rumänien würden gezwungen, als Prostituierte im Rotlichtmilieu zu arbeiten – Zielort für jährlich etwa 4000 Opfer des Menschenhandels. „Man hatte ihr den Pass abgenommen; ihren Zuhältern musste sie über 1000 Euro am Tag abliefern“, so Bolhaar. Mädchen, die das nicht schafften, wurden oft vergewaltigt, verprügelt und in Eiswasser geworfen, damit die Blutergüsse möglichst klein blieben, und dann wieder zur Arbeit geschickt. Andere wurden tätowiert und so als „Eigentum“ der türkischen Brüder Saban und Hasan Baran gebrandmarkt.

 

 Im Jahr 2009 gab es weltweit 4166 erfolgreich abgeschlossene Verfahren wegen Menschenhandels, doch nur 335 betrafen Zwangsarbeit. Dabei sind Baugewerbe, Landwirtschaft, Häfen, gefährliche Industrien und Haushalte, also nicht Prostitution, das Los, das mehr als 50 Prozent aller Opfer des Menschen­handels erwartet. Nach internationalem Recht ist Zwangsarbeit ein Schwerverbrechen. In Europa sank die Zahl der Verurteilungen wegen Zwangsarbeit von 80 im Jahr 2007 auf 16 im Jahr 2008, stieg 2009 aber wieder auf 149 an.

 

„Das liegt zum Teil daran, dass Zwangsarbeit so schwer feststellbar ist“, sagt Sanne Kroon. „Es könnte die Frau sein, die im Laden nebenan immer Überstunden macht, oder der Spargelstecher, der für einen Euro die Stunde auf den Feldern schuftet.“

 

Reiseprospekte schildern die Provinz Foggia im süditalienischen Apulien als „Paradies für Sommertouristen“. Für Bewohner ärmerer Gegenden Polens waren Inserate, die Arbeit für sechs Euro die Stunde plus Kost und Logis in Foggias blühender Landwirtschaft verhießen, sehr verlockend. Aber der 51-jährige Stanislav Fudalin wurde nach einer strapaziösen Reise, so berichtet er, von einem ukrainischen „Vorarbeiter“ empfangen, der für ortsansässige Bauern arbeitete. Er erklärte Fudalin: „Ich bestimme hier die Regeln. Ihr seid meine Sklaven. Wer abhauen will, den werde ich finden und umlegen. Dann kehrt er im Müllsack nach Polen zurück.“

 

Den Polen wurden die Pässe abgenommen, dann zwang man sie, 16 Stunden täglich Tomaten zu pflücken. Ungeachtet der hohen Zinsen für ihr „Beförderungs-Darlehen“ bekamen sie nur einen Euro pro Stunde, wovon sie Essen und Unterkunft bezahlen mussten: unbeheizte Baracken ohne Strom und Wasser, nachts zugeschlossen, bewacht von bewaffneten Aufsehern. Wer krank wurde, musste für jeden Tag, an dem er nicht arbeiten konnte, an seinen Vorarbeiter 20 Euro bezahlen. Umsonst waren lediglich die Prügel.

 

Sie waren Sklaven in immerwährender Schulden-Knechtschaft.

Einige konnten fliehen. Ihre Berichte waren Auslöser der Operation Terra Promessa (Gelobtes Land), einer Gemeinschaftsaktion des Carabinieri-Dezernats Organisiertes Verbrechen und des Menschenhandels-Dezernats in Warschau. Zudem halfen das Anti-Mafia-Büro in Bari, Abhöraktionen sowie Aktivitäten von Interpol und Europol.

 

Grund zur Sorge gibt auch die Skla­ve­rei in Haushalten. „Die Opfer sind schwer zu finden, da ihnen ihre Arbeitgeber den Mund verbieten“, sagt Sophia Lakhdar vom Komitee „Gegen Moderne Sklaverei“ (CCEM) in Frankreich. Die 27-jährige Algerierin Alice schuftete vier Jahre als Kindermädchen und Putzfrau bei einem Cafébesitzer und seiner Frau in Paris. Sie musste auf dem Fußboden schlafen, durfte nie auf eigene Faust das Haus verlassen, wurde gedemütigt und bedroht. „Zwei Jahre lang bekam ich keinen Lohn. Angeblich musste ich mein Flugticket abarbeiten. 2004 und 2005 schickte man meinen Eltern 600 Euro. Ich selbst habe nie Geld bekom­men.“ 2007 konnte Alice ihren Arbeitgebern entfliehen. Sie hat jetzt in Paris eine eigene Familie gegründet. Die Cafébesitzer wurden nie bestraft.

 

Zum Kampf gegen „ruchlose Verbrechen“ schlägt Cecilia Malmström, EU-Kommissarin für Innenpolitik, einen Koordinator gegen Menschenhandel vor. In einer Rede drängte sie kürzlich die Mitgliedstaaten, ihre Bemühungen besser abzustimmen. „Wir brauchen einen strengeren Gesetzesrahmen mit besserem Schutz und härteren Strafen.“ Verurteilungen wegen Menschenhandels machen nur einen Bruchteil derer für Drogenschmuggel aus. Die meisten Menschenhändler sind auf freiem Fuß.

 

Aber Gefängnisstrafen schrecken Menschenhändler nicht immer ab. 2006 entdeckten die zentrale Kriminalbehörde von Estland und ihr Gegenstück in Helsinki, dass drei Verbrecher, die in Estland einsaßen, von ihren Zellen aus Frauen nach Finnland schleusten, um sie dort als Prostituierte arbeiten zu lassen. Nachdem sie in einem Internetportal passende Opfer gefunden hatten, nahmen sie mittels eingeschmuggelter Handys Kontakt zu ihnen auf. Dabei gaben sie sich als reiche Geschäftsleute aus, die Kindermädchen und Gesellschafterinnen anwarben. Ihre Freundinnen draußen organisierten derweil den Transport und wuschen die Profite.

 

Keine Rettung gab es für Nikolaj Rantsews Tochter Oxana. Die 20-jährige Sprachenstudentin, der versprochen wurde, sie könne sich ihren Traum erfüllen und Übersetzerin werden, wurde von Russland nach Zypern gelockt. Drei Wochen nach ihrer Ankunft im März 2001 lag sie in Limassol tot auf der Straße. Sie hatte versucht, von ihrer Arbeitsstelle in einem „Cabaret-Club“, der mit Übersetzen wenig zu tun hatte, zu fliehen, und war dabei aus einem Fenster im fünften Stock gestürzt.

 

Nach jahrelangem Kampf erzielte Nikolaj im Januar 2010 einen wegweisenden Gerichtsentscheid vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Darin wurden Russ­land und Zypern für ihre Unfähigkeit, Oxana vor Menschenhändlern zu schützen, schuldig gesprochen und mussten 40 000 beziehungsweise 2000 Euro zahlen. Lächerliche Beträge, doch Nikolaj geht es nicht ums Geld. „Ich will, dass potenzielle Opfer erfahren, wie es ihnen ergehen kann.“

 

Für viele andere besteht kaum Hoffnung auf Entrinnen. Meist nehmen die Menschenhändler ihnen die Pässe ab und drohen, sie als Illegale anzuzeigen oder ihren Familien etwas anzutun.